Der 65-jährige Steirer Bernd Prettenthaler setzt mit der Organisation des Festivals „Folklore Global“ seit mehr als 30 Jahren ein lebendiges Zeichen für Frieden, kulturelle Begegnung und Völkerverständigung. Was dabei entsteht, geht weit über das Präsentieren von Tänzen, Musik und Trachten verschiedener Länder hinaus: Menschen begegnen einander als Gäste und Gastgeber*innen, teilen ihren Alltag, essen, tanzen und feiern miteinander und knüpfen Freundschaften, die mitunter Jahrzehnte überdauern. In einer Zeit, in der politische und gesellschaftliche Grenzen wieder stärker spürbar werden, zeigt Folklore Global im Kleinen, was Verständigung ganz praktisch bedeuten kann: einander die Türen zu öffnen, neugierig zu bleiben und das Verbindende tatsächlich zu leben.
Larissa Breitenegger war beim diesjährigen Folklore Global in Stiwoll zu Gast. Die spürbare Herzlichkeit und Verbundenheit zwischen Menschen aus unterschiedlichen Ländern – und die Begegnung mit Bernd Prettenthaler, der diese Beziehungen seit Jahrzehnten aufbaut und pflegt – berührten sie und gaben den Anstoß, genauer hinzuschauen. So entstand die Idee zu diesem Beitrag und zu einem ausführlichen Gespräch mit dem Menschen hinter dem Festival.
Folklore Global findet alle 2 Jahre statt. Heuer fand das Festival am Freitag in Graz, Samstag in Stiwoll und Sonntag in Stainz statt. Hier ein Eindruck aus Stiwoll, wo das Folklore Global im Rahmen des Stiwoller Dorffests stattfand.
Gelebte Völkerverständigung
Internationale Folklorefestivals können große Bühnen, farbenprächtige Trachten und perfekt einstudierte Darbietungen bedeuten. Beim Folklore Global in Stiwoll in der Steiermark geht es aber um etwas anderes. Die Bühne gehört dazu – doch das Eigentliche passiert davor und danach: in den Häusern der Gastgeber*innen, beim gemeinsamen Essen, beim Tanzen, beim Reden und dort, wo Menschen einander ohne Tracht begegnen.
Schon der Auftakt am Donnerstag war bewusst den teilnehmenden Gruppen vorbehalten. Getanzt wurde in Zivil, dazu gab es einen Grillabend und einen gemeinsamen Sportnachmittag. Nicht die Präsentation der eigenen Kultur stand dabei im Vordergrund, sondern das Kennenlernen.
Seit über 50 Jahren über Grenzen hinweg verbunden
Dass dieser persönliche Austausch so viel Raum bekommt, ist eng mit Bernd Prettenthaler verbunden. Der 1960 geborene Musiker, Tänzer und Sänger ist seit seiner Jugend mit der internationalen Folklorewelt verbunden. Über den Volkstanzkreis St. Bartholomä kam er zum Volkstanz, mit 13 Jahren fuhr er 1973 als Musikant zu seinem ersten Festival nach Deutschland. Später bereiste er mit Musik, Tanz und Schuhplatteln zahlreiche Länder bis nach China und Panama.

Bernd Prettenthaler mit zwei Tänzerinnen aus Panama
Viele der Beziehungen, die dabei entstanden sind, bestehen über Jahrzehnte. Mit einer Gruppe aus Schweden ist Prettenthaler seit 53 Jahren verbunden. Allein heuer waren die Schweden zweimal in der Steiermark und die Steirer zweimal bei ihnen.
Eine Freundschaft, die weiterlebt
Wie tief eine solche Verbindung reichen kann, zeigt die Geschichte der österreichisch-schwedischen Folklorefreundschaft. Eine zentrale Figur darin war Bosse Nyander. Er trug die schwedische Tanzgruppe über viele Jahre, war als Tanzleiter tätig und für Prettenthaler „die Seele des schwedischen Volkstanzes“.
In diesem Jahr starb Bosse Nyander im Alter von 75 Jahren. Zehn Tage vor seinem Tod reiste Prettenthaler mit seiner Familie noch einmal nach Schweden, um sich von seinem langjährigen Freund zu verabschieden. Dass Bosse beim diesjährigen Folklore Global erstmals fehlte, war für viele schmerzlich spürbar – und gleichzeitig war er auf besondere Weise präsent: im Musizieren, in den Tänzen und Gesprächen, in den Erinnerungen seiner Freund*innen und nicht zuletzt durch seine Frau und seine Tochter Anna, die beide beim Festival dabei waren. Anna trägt den Geist ihres Vaters in der Tanzgruppe weiter und war ihrerseits tief berührt von der Wärme und Verbundenheit, die ihr und ihrer Mutter in Stiwoll entgegengebracht wurden.

Bernd Prettenthaler mit Bosse Nyander
Freundschaftswalzer: "Volksmusikalische Verneigung vor der Freundschaft, die wir pflegen"
Bei der Messe in Stiwoll bekam diese jahrzehntelange Freundschaft einen besonderen Ausdruck: Am Altar stand ein Bild von Bosse Nyander, daneben die schwedische Fahne. Die schwedischen MusikantInnen spielten in der Messe – gemeinsam mit Prettenthaler spielten sie auch den „Freundschaftswalzer“, den Prettenthaler vor vielen Jahren für die schwedische Gruppe komponierte, als, wie er sagt, „volksmusikalische Verneigung vor dieser Freundschaft, die wir pflegen“. Der Walzer wird inzwischen auch in Schweden viel gespielt.
Seine Frau war beim Festival dabei, ebenso seine Tochter Anna, die heute selbst in der schwedischen Gruppe tanzt. Für Prettenthaler trägt sie den Geist ihres Vaters in der Gruppe weiter. „Bosse lebt bei uns weiter“, sagt er.

Bernd Prettenthaler mit den schwedischen MusikerInnen bei seinem Besuch in Schweden, Midsommar 2026
Vielleicht wird gerade an dieser Geschichte besonders deutlich, was mit Völkerverständigung gemeint sein kann, wenn sie nicht nur ein großes Wort bleiben soll. Vor mehr als fünf Jahrzehnten brachte der Volkstanz Menschen aus Schweden und Österreich zusammen. Sie besuchten einander, tanzten und musizierten miteinander, wurden Freunde, begleiteten einander durch ihr Leben – und verabschiedeten sich schließlich auch voneinander. Die nächste Generation tanzt weiter.
Zu Gast sein heißt auch Gastgeber sein
Genau diese Gegenseitigkeit ist Prettenthaler wichtig. Wer in der Steiermark zu Gast ist, soll möglichst auch die Gelegenheit bieten, selbst Gastgeber zu sein. Untergebracht werden die internationalen Teilnehmer*innen deshalb nicht anonym in Hotels, sondern bei heimischen Tanzgruppen und Privatpersonen – manchmal auch bei Menschen, die mit Volkstanz selbst gar nichts zu tun haben.
So entstehen Einblicke, die eine touristische Reise kaum ermöglichen würde. Prettenthaler erzählt von einer Reise nach Panama, bei der sechs Personen gemeinsam in einem einzigen Zimmer untergebracht waren. Für ihn war das ein Geschenk: Menschen teilten mit ihren Gästen schlicht das, was sie hatten.
Viel Idealismus, wenig Geld
Auch finanziell funktioniert Folklore Global weitgehend über dieses Prinzip. Die Gruppen organisieren und bezahlen ihre Reisen selbst, vor Ort sorgen die Gastgeber*innen für Schlafplätze und Verpflegung. Öffentliche Unterstützung durch Stadt Graz und Land Steiermark gibt es zwar, sie ist laut Prettenthaler jedoch überschaubar: Sinngemäß reiche sie gerade dafür, alle einmal auf Würstel mit Senf einzuladen.
Warum also dieser enorme Aufwand?
„Das sind alles Idealisten, die für die Sache stehen“,
sagt Prettenthaler. Es gehe darum, Traditionen zu pflegen und weiterzugeben – aber genauso darum, Menschen und andere Länder wirklich kennenzulernen. Nicht von außen, sondern indem man in ihre Häuser kommt und ihren Alltag ein Stück weit miterlebt.
Viele Gruppen kennt er bereits persönlich, andere erfahren über Mundpropaganda vom Festival und fragen selbst an, ob sie teilnehmen können. Alle zwei Jahre findet Folklore Global statt. Im vergangenen Jahr waren die Steirer etwa auf Sardinien unterwegs und lernten dort Gruppen aus Irland, Mexiko und Chile kennen.
Das, was lebendig ist und berührt, wird weitergegeben
Dass Prettenthaler Tradition nicht als etwas versteht, das nur bewahrt, sondern vor allem weitergegeben werden will, zeigt sich auch in seiner eigenen Familie. „Die Familie ist für mich sehr wichtig, weil alle mitmachen“, erzählt er. Seine beiden Söhne schuhplatteln – und das durchaus spontan: Wenn beim Fußballspielen Pause ist und der Vater die Harmonika dabeihat, wird eben geplattelt. Darauf sei er stolz.

Die beiden Söhne Jakob und Pauli mit Bernd Prettenthaler
Denn Prettenthaler weiß, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, an dem er selbst „in die zweite Reihe“ tritt. Entscheidend ist für ihn, dass dann nicht Schluss ist: „Die gute Idee, der gute Gedanke geht weiter.“ Genau darin liege für ihn das Schöne – generationenübergreifend zu denken und zu handeln.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch seine Frau, die er als „gute Seele“ und große Stütze im Hintergrund bezeichnet. Sie trägt die vielen Begegnungen und Aktivitäten mit, kümmert sich um die Gäste und sorgt nicht zuletzt dafür, dass bei all dem auch für alle gekocht wird. So wird sichtbar: Was nach außen als Festival und internationale Kulturarbeit erscheint, wird im Hintergrund ganz wesentlich von Familien mitgetragen.

Sieglinde und Bernd Prettenthaler
Tradition, die vom Herzen kommt
Auch Prettenthalers Verständnis von Volkstanz passt zu diesem Zugang. Für ihn bedeutet Volkstanz, eine von den Vorfahren übernommene Tradition weiterleben zu lassen. Dabei geht es ihm weniger um ausgefeilte Choreografien als um gemeinschaftliche Formen: Gruppentänze und vor allem Wechseltänze, bei denen Menschen immer wieder neuen Partner*innen begegnen.
Diese „bunte Vielfalt in schlichter Weise“ zu zeigen, sei für ihn das Wesentliche.
Auf die Frage, was Tanz für ihn persönlich bedeutet, wird die Antwort weniger greifbar. Tanz sei das Gefühl, gemeinsam etwas zu erleben: Bewegung, Miteinander – etwas, das sich schwer in Worte fassen lasse. „Es muss vom Herzen kommen.“
Vielleicht erklärt das auch, warum Prettenthaler Musik und Tanz nicht voneinander trennt. Er selbst ist Musiker, Tänzer und Sänger. Ein guter Musikant, sagt er, sollte auch tanzen können:
Wer selbst erlebt hat, wie sich ein Tanz anfühlt, spielt anders für die Tanzenden. Musik und Tanz werden so zu einer Einheit.
Prettenthaler beim Musizieren - manchmal auch vor der Kamera!
„Das kann man nicht eintauschen“
Nach den intensiven Tagen von Folklore Global seien die Organisator*innen nun erst einmal „neben den Schuhen“, erzählt Prettenthaler. Die Erschöpfung ist spürbar. Gleichzeitig sagt er über diese Tage einen Satz, der vielleicht besser als jede Definition beschreibt, warum Menschen über Jahrzehnte so viel Zeit, Geld und Energie in diese Begegnungen investieren:
„Es war so intensiv, aber es hat so gut getan. Das kann man nicht eintauschen.“
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