Tanz auf dem Nil - warum gerade jetzt? Ein Reisebericht.

Aktuelle Ägyptenreisen:
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"Was, Du willst jetzt nach Ägypten?" bekam ich vor meiner Abreise zu hören. "Pass auf Dich auf - das ist gefährlich!" Ja - es gibt einige Unruhe in Ägypten. Das Land wartet auf Parlamentswahlen. Die Lage am Sinai hat sich verschärft. Anthony Sattin, der wohl zeitgleich mit uns auf einer Dahabeya am Nil unterwegs war, dazu in seinem Artikel "Egypt, why to go now" im "Guardian":

"Besides, Taba is several hundred miles from Cairo and the Nile, and the problem there is very different from the stand-off between the military and the Muslim Brotherhood. Staying away from Egypt because of what is happening in Sinai would be similar to avoiding London because of trouble in Belfast."
(http://bit.ly/egypt-why-to-go-now)
Gut, dass wir da waren und selbst gesehen haben - die Lage ist ruhig. Zu ruhig für Städte wie Luxor und Assuan, die eigentlich vom Tourismus leben sollten. Der ist seit der Revolution im Jänner 2011 in der Krise und in diesem Jahr fast zum Stillstand gekommen. Es sind kaum Nilkreuzfahrtschiffe zu sehen, die Tempel sind leer, sogar im Souk scheint es außer uns kaum TouristInnen zu geben. Keine Spur von der üblichen Hartnäckigkeit der Händler und Souvenierverkäufer. Viele sind gar nicht gekommen - als rechneten sie gar nicht mehr damit, BesucherInnen anzutreffen. Es stellt sich auch keinerlei Unbehagen wegen der Sicherheit ein, dafür freuen wir uns über viel Platz und Exklusivität bei den Besichtigungen. Wie die Leute das überleben, frage ich mich. Zusammenhalt bekomme ich zur Antwort. Jede/r hilft jeder/jedem. Mit Geld, Lebensmitteln, dem was gebraucht wird. Viele bauen selbst Lebensmittel an. Und selbst der Humor geht dabei nicht verloren. "Look - tourists!" ruft mein Bootstaxifahrer, tut überrascht, zeigt auf zwei Ausländerinnen und grinst.

Aber zurück zum Beginn: Noch eine kurze Rückfrage vor der Abreise. Jetzt hat sich doch noch eine Teilnehmerin angemeldet. Ob wir die noch unterbringen könnten? Wie erwartet geht das. Ein Teil der Musiker müsste halt im "Salon" schlafen. Ich weiß nicht, ob mir das recht sein soll, überlass es aber letztendlich der Organisation und dem Schicksal. "Inshallah". Hauptsache Ulli kann noch mit. Ägypten-Feeling stellt sich ein.

Da die AUA vor ein paar Wochen ihren Direkt-Flug nach Luxor eingestellt hat, fliegen wir diesmal mit Egypt-Air - mit Zwischenstopp in Kairo. Da war ich zuletzt vor über 12 Jahren und bin überrascht. Der Flughafen ist neu - kein Wechsel mehr zwischen In- und Auslandsflughafen. Das Visum wird uns korrekt mit 15 USD berechnet, der freundliche Mensch am Schalter fungiert bereitwillig auch als Wechselstube. Bankgeschäfte sind also erledigt.
Wir kommen erst gegen 22:00 Uhr in Luxor an und werden von Mohammed und Awad schon erwartet. Der typische Minibus bringt uns zuerst zu einem "Alkoholgeschäft" - auch diesmal nimmt kaum eine Teilnehmerin die Gelegenheit wahr, sich mit Alkohol zu versorgen. Nach einem Zwischenstopp bei einem Stand mit frischem Zuckerrohrsaft landen wir im Taxiboot, das uns zu "unserer" Dahabeya bringt. Ein schönes Gefühl, wieder da zu sein.

Ich weiß ja inzwischen, was mich erwartet: Flußaufwärts reisen, durchatmen, verlangsamen, zu mir selbst kommen. Den Reiseverlauf habe ich nach meiner letzten Reise beschrieben. (http://bit.ly/aegypten-reisebericht). Um mich nicht zu wiederholen, möchte ich mich diesmal auf einige Besonderheiten konzentrieren.

Mit einer Dahabeya zu reisen ist etwas sehr Exklusives. Dahabeya oder auch Dahabiya, arabisch "die Goldene", ist die Bezeichnung für ein langes, schmales Nilschiff mit Verdeck, Kabinen, Kajüte und zwei Segeln in Holzbauweise. Die Dahabeya war das Luxusschiff der Nilreisenden des 19. Jahrhunderts, wird heutzutage nachgebaut und - wenn es eine "echte" Dahabeya ist, hat sie keinen Motor. Das Boot kann wegen seines erstaunlich geringen Tiefgangs nahe am Ufer entlang manövriert werden. Gibt es genug Wind, wird gesegelt und die bequemen Sofas und Liegen laden uns zum Entspannen, Sehen und Hören ein. Mein Blick fällt auf die vorbeiziehende Landschaft, Palmen, Zuckerrohr, Schilf, dazwischen Fellachen auf ihren Eseln, spielende und rufende Kinder, Fischer in ihren kleinen Booten, die mit ihren Rudern die Fische in ihre Netze treiben. Hinter jeder Bucht ein kleines Vogelparadies. Mein Gefühl für Zeit schwindet, ebenso das Bedürfnis, genau wissen zu wollen, wann ich wo war und was ich da gemacht habe. Vor meinem inneren Auge mal ich mir aus, wie Agatha Christies "Tod auf dem Nil" entstanden sein könnte. Bei Flaute wird das Boot von einem kleinen Motorschlepper gezogen, das Geräusch mischt sich mit den Rufen der Muezzine, dazwischen unsere Musiker - die immer musizieren, wenn sie frei haben. 
Die Crew-Mitglieder kümmern sich mit Ruhe und Herzlichkeit um uns. Sie navigieren das Boot, unterstützen Sadan, unseren Koch, servieren köstliche Speisen, sind immer zur Stelle, wenn etwas gebraucht wird, brauen exzellenten "turkish coffee masbut", basteln lustige Stofftiere aus unseren Handtüchern und Ibrahim scheut auch nicht den Sprung ins noch kühle Nilwasser als sich ein Hut auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben will...

Awad, unser deutschsprechender Reiseleiter ist ebenso immer für auftauchende Fragen zur Verfügung und bringt mir sogar ein paar Worte Ägyptisch-Arabisch bei. Das wird allerdings wiederholt werden müssen, die Halbwertszeit der Vokabeln in meinem entspannten Gehirn war eher kurz. Die ständige langsame Bewegung auf dem Nil versetzt mich in einen Ausnahmezustand - alles fließt und verändert sich. Computer, TV, Handy und dergleichen werden völlig uninteressant, ich fühl mich zurückversetzt in eine Zeit meiner Kindheit, in der ich noch mit Aufmerksamkeit gesehen habe. Schauen allein ist genug. Ich brauche keine Nebenbeschäftigung. Die tägliche Körperarbeit und das Tanzen mit Live-Musik tragen ihren Teil dazu bei. Schon bald fühle ich mich körperlich, seelisch und mental total entspannt.

In diese Beschaulichkeit kommt die Ankündigung eines besonderen Ereignisses: Wir werden eine "Sufi-Zeremonie" erleben.

Der Sufismus kann als mystische Richtung im Islam gesehen werden, wobei die Sufis eigentlich unabhängig von einer Religionszugehörigkeit sind und der Sufismus älter ist als der Islam. So soll es die ersten Sufis nach muslimischer Überlieferung schon zu Lebzeiten des Propheten im 7. Jahrhundert gegeben haben. Zur Haltung der Ägyptischen Sufi-Orden zu den politischen Vorgängen in Ägypten und dem offiziellen Islam siehe Anmerkung und Link am Ende des Artikels (1).

Laut verschiedener Quellen sollen ägyptische Sufi-Zeremonien auf das viel ältere Zar-Ritual zurückgehen, das wiederum auf pharaonische und/oder animistische Wurzeln in Afrika zurückgeführt wird. (2)

Im Sufismus wird wie in anderen mystischen Traditionen versucht, das Göttliche direkt zu erfahren. Oft verbunden mit Bewegung, Gesang und Tanz, wobei die ägyptische Tradition Drehtanz eher als Mittel der Performance verwendet (Tanura), in den "alltäglichen" Ritualen werden einfache Hin- und Herbewegungen verwendet, oft verbunden mit Atmung und Stimme.

Beispiele sind hier zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=IAkVdaJINzs und
https://www.youtube.com/watch?v=YNiUc4W5Kzo

Wer sich selbst ein Bild (und Ton!) machen will, kommt ab besten hierhin: "Au Coeur du Nil Soufi - Im Herzen der Sufis vom Nil" am 11. April 2014 im Klangraum Krems. In der Ankündigung ist auch schön beschrieben, was das "Herz des Sufismus" in Ägypten ausmacht. (http://bit.ly/sufs-vom-nil).

Die Zeremonie wird durchgeführt von einem Sheikh, der "einfach singt" - und dabei über das Leben des Propheten berichtet und Stellen aus dem Koran vorträgt. Zum Glück haben wir Awad als Übersetzer, so können wir anschließend auch noch etwas mehr erfahren. Ein "Sheikh" kann jemand sein, der studiert und eine spezielle Ausbildung durchlaufen hat. In Oberägypten ist es aber auch möglich, dass er von seiner Dorfgemeinschaft gewählt wird. Dabei wird auf seinen rechtschaffenen Lebenswandel und seine bisherigen guten Taten geachtet. Das Wichtigste sei aber wohl eine gute Singstimme, bekommen wir zu hören.

Sheikh Achmed wird also von unseren Musikern an Nay, Oud, Darabukka und Duff begleitet, wobei die Nay im Sufismus eine besondere Bedeutung hat:

"Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt: Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Klagen gebracht. Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust, der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann. Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein."

aus den Lehrgedichten Rumis. (Quelle: http://bit.ly/mevlana-ch)

Wir haben diesmal die besondere Gelegenheit, Wael, der schon bisher unseren Tanz an der Rahmentrommel begleitet hat, als Zeremonienleiter zu erleben. Er ist dabei der "verrückte Scheikh", der heilige Narr, der verrückte Weise, der in vielen Traditionen anzutreffen ist, von Zen über Schamanismus bis zu jüdischer, christlicher und eben sufischer Mystik.

Es ist immer die Figur, die sich nicht an Normen halten muss und nur der Stimme ihres Herzens folgt. Sein unkonventionelles Auftreten soll uns helfen, selbst unsere Ansichten etwas zu ver-rücken und aus festgefahrenen Geleisen auszusteigen, wie in Mullah Nasruddins Geschichte über den Standpunkt:

Nasruddin saß am Flussufer, als jemand vom anderen Ufer aus rief: „Wie komme ich denn hier auf die andere Seite?“ Drauf antwortete Nasruddin: „Du bist auf der anderen Seite!“

Wie jedes Mal bin ich berührt von der Selbstverständlichkeit, mit der die Mitglieder der Crew inklusive Koch und Kapitän in dieses Ritual einsteigen - und bei Bedarf auch wieder aussteigen, um ihren Aufgaben nachzukommen. Das gibt dem Geschehen den Eindruck von etwas Selbstverständlichem, etwas das für alle da ist. Trotzdem oder gerade deshalb auch diesmal wieder ein eindrucksvolles Erlebnis.

In Assuan werden wir noch mit einer nubischen Musik- und Tanzgruppe überrascht, die uns einen kleinen Einblick in die nubischen Wurzeln des Ägyptischen Tanzes ermöglicht.


Die Rückfahrt nach Luxor vergeht wie im Flug, na ja, es geht jetzt auch flussabwärts. In Esna werde ich etwas unsanft bei Sonnenaufgang geweckt, weil sich unser Schleppboot direkt neben mein Kabinenfenster gehängt hat, um das Boot durch die Schleuse zu lotsen. Dafür werde ich aber mit früher Morgenstimmung und der immer wieder spannenden Schleusendurchfahrt belohnt. Zurück in Luxor verlängern die meisten Teilnehmerinnen die Reise um zwei Tage, mehr war diesmal wegen der knappen Flüge nicht möglich. Für Interessierte steht Awad weiter zur Verfügung, Besichtigungen von Karnak, dem Tal der Könige und anderen der vielen Sehenswürdigkeiten Luxors sind noch möglich. Und alle, die länger geblieben sind, erleben noch ein seltenes Naturschauspiel: Gewitter, Blitz, Donner, Regen und Hagel(!) in Luxor.

Alles in allem wieder ein sehr schönes stimmiges Erlebnis mit abenteuerlichem Abschluss.

Aktuelle Ägyptenreisen:
http://astrid-pinter.at/termine/category/tanzreisen/aegypten

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Anmerkungen:
(1) Sufi-Orden in Ägypten:
"Die Spannungen, die traditionell zwischen den mystisch orientierten Sufi Orden und den textorientierten politisch islamischen Bewegungen, die statt einer spirituellen Annäherung an Gott durch mystische Praktiken die wörtliche Befolgung ihrer jeweiligen Auslegung der religiösen Schriften als den Kern der von der Religion sehen, verschärften sich nach der Revolution. Salafistische Gruppen betonen die Einheit Gottes und das islamische Verbot des Polytheismus. Daraus leiten sie ein Verbot der in Ägypten verbreiteten Feste zu Ehren historischer Sufi-Sheikhs ab und zerstörten einige der Gräber solcher Sheikhs. Die Sufi Orden befürchten, daß ein Erfolg der politisch islamischen Bewegungen der Salafisten und Muslimbrüder unweigerlich ihre eigene religiöse Ausrichtung und Praxis gefährden würde. Als Reaktion ist daher eine Politisierung eines Teils der Sufi Orden zu beobachten. Der Führer des 'Ayimiya Ordens, eines der wichtigsten ägyptischen Sufi Orden, war im September 2011 einer der Mitgründer der Ägyptischen Tahrir Partei, die von vielen Sufis unterstützt wird. Die Partei kooperiert mit säkularen Kräften und stellte bewußt eine Reihe von Kopten und Frauen als Kandidaten auf. "

Quelle: http://liportal.giz.de/aegypten/gesellschaft/ (am 23.3.2014)

(2) Für alle näher am Thema Interessierten ein empfehlenswertes Buch: Dr. Gamal Abo Zed, Sportwissenschafter und Tanztherapeut. "Die Zarzeremonie. Untersuchungen zur Aktzeptanz und zu therapeutischen Wirkungen bei Alkoholabhängigen."  Sport & Buch Strauß, Köln 2004, ISBN 3-89001-247-7