Das Tanzensemble Berjoska

In meinem zweiten Studienjahr (1964) an der Rotterdamer Tanzakademie sah ich im Rotterdamer Stadttheater zum ersten Mal in meinem Leben eine Vorstellung vom Tanzensemble Berjoska aus Moskau. Das Ensemble bot ein Programm mit russischen Tänzen und ich war von dieser Vorstellung tief beeindruckt. Die Perfektion, die schönen lyrischen Mädchenreigentänze, die Bravour, mit der die Jungens tanzten und die spektakulären Sprünge und Hockschritte, die sie ausführten, die Musik – ich fand es einfach fantastisch. Als Tanzakademiestudent träumte ich davon, irgendwann einmal in so einem Tanzensemble mittanzen zu dürfen. Ensemble Berjoska wurde in den Niederlanden in der Werbung als russisches Volkstanzensemble angekündigt. Aber war das, was Berjoska zeigte, wirklich Volkstanz? Was auf der Bühne zu sehen war, das waren professionelle Tänzer und Tänzerinnen, die durch sehr abwechslungsreiche und überraschende Choreographien das Publikum zu Erstaunen und Begeisterung brachte. Volkstanz hingegen, so wie man es in jeder Kultur kennt, ist eine Tanzart, die man ohne Ballett-Ausbildung einfach mitmachen kann.

 

Folklore und Tradition   

In jeder Kultur sind durch Überlieferung Tänze bewahrt geblieben, die den Ritualen ihre Form gaben und das Gemeinschaftsgefühl verstärkten. Diese Tänze wurden gemeinsam ausgeführt. Eine große Vielfalt von Tanzformen hat jahrhundertelang ihren Nutzen bewiesen. Diese Tänze wurden nicht von einem Tanzkünstler oder Choreografen erdacht, sondern entstanden irgendwann einmal aus Millionen von Menschen, die gemeinsam zu einer bestimmten Form gekommen sind, so wie wir manche Beispiele heute noch kennen. Aber ein nachgespielter ritueller Tanz aus dem Altertum kann heute nicht das gleiche bewirken wie damals im Dorf in seinem ursprünglichen Kontext. Choreographierte russische Tänze, die im Theater zu sehen sind, kann mann nicht unter folkloristischer Tradition oder Volkstanz einordnen. Hier ist eher die Rede von einer künstlerischen Schöpfung, die mehr basiert auf der Theatertanz-(Ballet)-Tradition des 19. Jarhunderts als auf Folklore.

 

 

Wie ist Berjoska entstanden?

Im Jahre 1948 kam eine Kolchosenbauerngruppe aus dem Gebiet Twer (damals Kalinin genannt) nach Moskau zur ländlichen Laienkunstschau der RSFSR (Russische Föderative Sowjet Republik). Diese Laiengruppe wetteiferte mit vielen anderen Laiengruppen aus allen Teilen der RSFSR. Die Kaliner Gruppe stand unter der Leitung von Nadjeschda Sergejewna Nadjeschdina (1908-1979, Foto).

Ihr Name war eigentlich Nadjeschda Sergejewna Bruchstein, ein jüdischer Name. In dieser Zeit hatten einige Juden es schwer, die im politischen und künstlerischen Bereich tätig waren. Stalin bezeichnete den politischen und kulturellen Einfluss von manchen Juden als anti-sowjetisch. Leon Trotski und der Theater Direktor Vsevolod Meyerhold wurden als Feinde des Volkes verurteilt und Todesstrafe oder Sibirisches Straflager waren ihr Schicksal. Als Folge davon lebten manche Juden in Angst. Man kann annehmen dass Nadjeschda Bruchstein meinte, dass es für eine Kariere als Ballerina und Choreographin für russische Tänze sowieso günstiger wäre einen rein russischen Namen anzunehmen.

Nadjeschdina war von 1925 bis 1934 als Ballerina am Bolschoi Ballett tätig. Von 1934 bis 1948 arbeitete sie bei Laien-Tanzgruppen in verschiedenen Städten Russlands, gab Tanzunterricht und entwarf ihre Choreographien.

Nadjeschdina schuf für die Laienkunstschau in 1948 in Moskau einen Reigentanz bestehend aus 16 Mädchen, die mit Birkenzweigen in der Hand tanzten. Diese Choreografie hat später die ganze Welt kennen gelernt als jenen Tanz russischer Mädchen, die in langen bis auf den Boden reichenden roten Sarafanen (traditionelle Tracht) scheinbar mühelos über die Bühne schweben, so als ob sie sich auf Rollen fortbe­wegten.

Nadjeschdina war für diese Choreographie, die sie „Berjoska Chorowod“ nannte (auf Deutsch: Birken-Reigen), inspiriert von einer alte Abbildung von Mädchen im Dorf im Kalinin-Gebiet, die einen rituellen Frühlingsreigen ausführten, mit Birkenzweigen in der Hand. In der ersten Hälfte der 20. Jahrhundert gab es in die Dörfern Russlands noch Rituale für unverheiratete Mädchen, die unter dem Namen 'Birkenanbetung' bekannt war. Die Birke steht in der Folklore für Jungfräulichkeit, Wiedergeburt, Reinheit und ist auch Symbol für eine Braut. Nadjeschdina’s Fachgebiet war Ballett, Charaktertanz und Choreographie. Ihr Ziel war es, dieses Beispiel von alter Tradition zum Kunstwerk um zu gestalten. Als Begleitmusik für ihre Choreographie benutzte Nadjeschdina eine instrumentale Bearbeitung für Bajan (russisches Knopfakkordeon) des Volksliedes: „Es stand eine Birke auf dem Feld“. Diese musikalische Bearbeitung von dem Komponist und Bajanspieler Jewgeni Kusnjetsov (1922-1993) ist reich an musikalischen Effekten, die dazu dienen, die visuelle Wirkung auf der Bühne für das Publikum zu verstärken. Die Musiker, die in 1948 den Birkenreigen begleiteten, waren ausschließlich Bajanspieler. Russische traditionelle Reigentänze wurden - und werden es normalerweise bis heute immer noch - nur von eigenem Gesang begleitet getanzt und nie mit Instrumentalbegleitung. So wie es bei Ballettvorführungen auch üblich ist, spielten die Musiker im Orchestergraben, während auf der Bühne getanzt wurde. Nadjeschdina sagte über ihre choreographische Arbeit immer: der Choreograph muss traditionelle Tänze mit den Augen des Dichters anschauen und nur als Nährboden oder Inspirationsquelle betrachten. Und so gründete Nadjeschdina einen neuen theatralischen Tanzstil. Ihren Birken-Reigen basierte sie zwar auf einem traditionellen Reigentanz für unver­heiratete Mädchen, aber von einer Ähnlichkeit zwischen Quelle und letztendlicher Choreografie kann kaum die Rede sein.

 

Choreographin und ihre TänzerInnen

Die ersten Tänzerinnen, die in 1948 diesen Birkenreigen ausführten, waren Laien, einfache Mädchen die in der Kolchose arbeiteten. Aber nach dem Erfolg auf der Laienkunstschau in Moskau, bekam Nadjeschdina eine Subvention vom Kultur-Ministerium um eine professionelle Tanzgruppe zu gründen und zu leiten. Der Name dieses Ensembles wurde „Berjoska“ (die kleine Birke). Und so war in Moskau ein professionelles Tanzensemble entstanden, ausschließlich für russische Mädchentänze. Also ging Nadjeschdina in den Ballettschulen auf die Suche nach talentierten Tänzerinnen, die sie dann täglich trainierte, so wie es in einer Ballett-Truppe üblich ist, bis eine gewisse tänzerisch-technische Grundlage und choreographische Perfektion erreicht waren. Mehr und mehr Mädchen-Tänze wurden von ihr kreiert und so entstanden verschiedene wunderschöne lyrische Reigen, aber auch lebhafte dynamische Tänze. Die einzigen Männer im Ensemble waren die vier Bajanspieler im Orchestergraben. In einige Choreographien war einer der Bajanspieler in der Choreographie integriert und spielte dann auf der Bühne eine gewisse Rolle. Die choreographische Kreativität von Nadjeschdina war aussergewönlich. Sie schuf viele Tänze, die bis heute noch als die besten des russischen Bühnentanzes gelten und die noch immer ausgeführt werden. Als Berjoska am Anfang der 1950er Jahre das erste Mal im Westen aufgetreten war, war auch dort das Publikum begeistert von den wunderschönen Mädchentänzen Russlands.

Nadjeschdina war nicht nur eine hochtalentierte Choreographin, sondern wusste in der Sowjet Union der Nachkriegsjahre auch die Partei-Politiker günstig zu beeinflussen und Kontakte zu knüpfen mit anderen erfolgreichen Sowjet-Künstlern, wodurch ihr Ensemble mehr und mehr Prestige bekam. Nadjeschdina lieferte genau die Produkte, die gut passten in die politische Ideologie von damals. Schon kurz nach der Gründung des Ensembles lieferte sie mit ihren Tänzerinnen einen wichtigen Beitrag für den erfolgreichen Film aus 1949 „Kubanskije Kasaki“ (die Kuban Kosaken von Regisseur Ivan Pirjew, wofür Isaak Dunajewski Lieder komponiert hatte, die bis heute noch bekannt sind). In dem Film findet in einer Kolchose eine Laienvorführung statt, wofür Nadjeschdina die Choreographie machte, die die Tänzerinnen von Berjoska ausführten.

Hier ein Ausschnitt aus diesem Film https://www.youtube.com/watch?v=jbWaNnjqgo8 , der aus rechtlichen Gründen nur direkt über Youtube angesehen werden kann. 

 

Ein Werk von Nadjeschdina mit mehr Sowjet-propagandistischem Charakter aus 1953.

https://www.youtube.com/watch?v=qariygQnwus&index=98&list=FLxHy4Qk6FTvNX29HKCWVo7A

 

Schöpfung des Volkes

Das kulturelle Klima war in die Sowjet Union, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Aufschwung. In 1938 hatte der Choreograph Igor Moiseyev (1906-2007), der auch ursprünglich Tänzer beim Bolschoi Ballett war, auch viel Erfolg geerntet mit seiner Choreographie für Laientänzer: „Tänze der Völker der Sowjet Union“. Moiseyev bekam vom Kulturministerium damals auch Subvention um ein professionelles Tanzensemble zu gründen. Professionell ausgebildete Tänzer wurden von ihm gesucht und trainiert. Vor allem die Männer wusste er zu verblüffenden akrobatischen Anteilen in seinen Choreografien einzusetzen. Seine Darbietungen waren für die sowjetischen Machthaber auch sehr geeignet um die Ideologie von dem Vielvölkerstaat, der Sowjet Union, zu verbreiten.

Und in 1938 hatte am Pjatnitski Volkschor auch gerade die Choreographin, Tatjana Ustinowa (1908-1999) angefangen eine Tanzgruppe verbunden mit Chor zu gründen und Choreographien zu machen (den Artikel über den Pjatitski Volkschor und Ustinowa findet man ebenfalls auf Choretaki).

Diese drei Choreographen: Moiseyev, Ustinowa und Nadjeschdina, haben im Lande und in der ganze Welt als kulturelle Ambassadeure die Schöpfungen des Volkes von die Sowjet Union vertreten und verbreitet.

Was in die Sowjet Union im Bereich Volkstanz als Schöpfung des Volkes angedeutet wurde, war eigentlich nicht vom Volk geschaffen, sondern von diesen drei professionellen Choreographen, die dank der finanziellen Unterstützung von der Partei ihre Produkte lieferten, die in den Rahmen der sowjetischen Kulturpolitik passten. Traditionelle Folklore, die eigentlich als wahre Schöpfung des Volkes gesehen werden sollte, wurde von der Kommunistischen Partei nicht gefördert. Ausüben und Propagieren von traditioneller Folklore wurde sogar verhindert.

 

Zurück zu der Quelle von Nadjeschdina’s Birken-Reigen

Nadjeschdina war nicht die erste Choreographin, die so einen ‚gleitende Mädchenreigen’ gemacht hat. Tatjana Ustinowa hatte in ihrer Feldforschung noch vor Kriegsende in einem Dorf im Woronjeschgebiet einen Mädchenreigen gesehen, wobei die Mädchen ähnlich tanzten wie die Schwäne oder Enten, auf dem Wasser schwimmend. Sie bezeichnete den Schritt womit die Dorfmädchen tanzten als ‚plawnij chod’ (schwimmender, oder fließender Schritt). Auf diesem Schritt basierte Ustinowa ihre Choreographie „Woronjeschkij Chorowod“ (Reigen aus Woronjesch). In Moskau, bei der Prämiere, waren ihre Kollegen Nadjeschda Nadjeschdina und Igor Moiseyev auch im Theater als Zuschauer dabei. Ustinowa erzählte mir später, dass Nadjeschdina sie um Erlaubnis gefragt hatte, diesen theatralischen Effekt ‚plawnij chod’ von Ustinowas Choreographie zu benutzen für ihren eigenen Birken-Reigen. Ustinowa hatte nichts dagegen.

Igor Moiseyev war auch inspiriert von Ustinowas Choreographie und schuf kurz danach seine Choreographie „Die Partisanen“. In seinem Werk ‚gleiten’ Reiter, gekleidet in lange schwarze Mäntel, so wie die Kosaken und Kaukasischen Krieger sie tragen, über die Bühne. Der Name so eines Mantel ist auf russisch Burka. Die Burka ist ein traditioneller Kosaken Mantel, gemacht aus Schaffell, der den Körper warm halten soll bei Kälte, und ist schwarz, damit ein Krieger im Dunkel den Feinden nicht auffält.  Moiseyevs Partisanen gleiten in ihren Burkas genau so über die Bühne wie die Mädchen in Ustinowas Reigen aus Woronjesch und Nadjeschdinas Birken-Reigen. Dass Moiseyev diese Fortbewegungsart benutzte als theatralischen Effekt um Partisanen dar zu stellen, scheint mir nicht sehr logisch und nur effekthalber eingesetzt. Im zweiten Teil seiner Choreographie werden die Burkas abgelegt und sieht man die Partisanen gekleidet in unterschiedlichen Uniformen der Kosaken und Krieger aus verschiedenen anderen Kulturen der Sowjet Union. Sie tanzen mit Maschinengewehren, Säbeln und anderen Waffen in der Hand und zeigen so worum es in dieser Choreographie hauptsächlich geht.

https://www.youtube.com/watch?v=IXe7ZG7FSvE

 

Zu Moiseyevs Werken ist auch noch anzumerken, dass er zwar eine Tanzkompanie leitete, die als „Tanzensemble der Völker der UdSSR“ affichiert wurde und auf Volkstanz basierende Choreographien zeigen sollte. Aber viele von Moiseyevs Choreographien waren stark politisch gefärbte Tänze, die in Armee-Uniformen oder Arbeitsklamotten getanzt wurden und auch  Musik-Hall Show-Nummern, so wie in den folgenden Beispielen:

 

Russischer Tanz

https://www.youtube.com/watch?v=ac_-AJ--FUM

Viva Cuba, eine Choreographie über die Revolution in Cuba

https://www.youtube.com/watch?v=k5pdwgdWfYg

 

Matrosentanz

https://www.youtube.com/watch?v=FiPOUFRv2Zk

Fragment aus „Tag auf dem Schiff“

https://www.youtube.com/watch?v=F4kTG8I5c-M

Eislaufen

https://www.youtube.com/watch?v=g22GYUWQ_s0

Fussball

https://www.youtube.com/watch?v=M5kTAWoshPA

Ustinowas Choreographie „Woronjeschkij Chorowod“ ist schon lange aus dem Repertoire von Pjatnitski Volkschor verschwunden und leider hat diese Choreographie niemals eine Wiederaufführung erlebt. Beim  Berjoska und Moiseyev Tanzensemble hingegen, waren der Birkenreigen und Die Partisanen nie vom Repertoire genommen worden und sind bis heute noch immer zu sehen auf den Bühnen in Russland und überall in der Welt.

 

Wieder zurück zum Mädchen-Tanzensemble Berjoska

Die folgenden Tänze vom Ensemble Berjoska sind im Studio für ein Fernsehprogramm  aufgenommen worden. Obwohl die Angaben sagen, dass die Aufnahmen aus 1962 stammen, muss man annehmen dass sie vor 1959 gemacht wurden, weil Berjoska hier noch ein Mädchen-Tanzensemble war.

  1. Birkenwalzer
  2. Maslenitsa (Fasching) (7:20)
  3. U kolodtsa (Bei der Brunnen) (13:00)
  4. Osjenaja Jarmarka (Herbst Jahrmarkt) (17:30)
  5. Chorowod Berjozka (Birken-Reigen) (23:00)

https://www.youtube.com/watch?v=Gz-09FWI1yQ

Es wurde im Jahr 1960 ein Spielfilm herausgebracht mit dem Titel „Djewitscha Wjesna“ (Mädchen Frühling) und das Tanz-Ensemble Berjoska (noch immer eine Mädchentanztruppe) hatte einen wichtigen Anteil in diesem Film. Der Film war sehr erfolgreich in der Sowjet Union. Er handelt von der Liebesgeschichte einer Solistin eines Tanz-Ensembles, die in dem Film den Namen „Djewitscha Wjesna“ trug. Eine Solistin von Berjoska, Mira Koltsowa, spielte in diesen Film eine Hauptrolle.

 

Einige Tanz-Ausschnitte aus dem Film:

1.Tanz mit dem Tüchlein. Die Tänzerin in dem rosaroten Kleid ist Mira Koltsowa  

https://www.youtube.com/watch?v=QxD6qF8agsw

Mit dem Birkenreigen wird bis jetzt noch immer das Programm von Berjoska eröffnet, so wie hier in Moskau in 2011

 https://www.youtube.com/watch?v=4qFrqQzJkWQ

 

Auch andere ‚Juwelen’ von Nadjeschdina’s früherer choreographischer Arbeit sind bis jetzt immer noch auf den Bühnen Russlands und in der ganzen Welt zu sehen.

Hier zwei Beispiel aus 2013:

Prjalitsa (die Spindel) https://www.youtube.com/watch?v=HR56-D9U3Fc

Lebjoduschka (der kleinen Schwan) https://www.youtube.com/watch?v=tDOHZwowgJE

Hier gehts zur Fortsetzung des Artikels über Berjoska