Nachklang der Tanz- und Kulturreise nach Nordgriechenland mit Kyriakos Chamalidis

Im Tanz verbunden

Reisebericht von Barbara Schulte Büttner 

Längst ist der Koffer nun wieder ausgepackt. Die Reise liegt hinter mir: vom 3. bis 17. Juni 2017 eine Woche Tanzen am Meer, eine Woche Rundreise. Mitgebracht habe ich eine Fülle von Eindrücken, die nach-klingen und mich begleiten.

Wenn ich jetzt die gelernten Tänze weitergebe, steigen eng verbunden mit Rhythmen, Melodien, Schritten und Gesten all die Geschichten und Geschehnisse auf, die mich berührt haben auf dieser Reise. Von diesen soll hier die Rede sein, fokussiert auf die Vielfalt der Verbindungen, die wir uns im „unbekannten Griechenland“ tanzend erschließen konnten.

„Tanz verbindet“

Das ist das Motto von Kyriakos Chamalidis, und es erweist sich einmal mehr als zutreffend, auch in dieser Gruppe von 37 Teilnehmenden, deren Kreistanzerfahrung von genau einem Tanztag bis hin zu stattlichen 50 Jahren reicht: „Die große Spanne des individuellen Kreistanzalters ist kaum zu spüren, es ist immer gleich so ein Flow im Tanz“ schwärmt eine Mitreisende, die vor einem halben Jahr ihre ersten Schritte im Kreis getanzt hat bei einem Trauertanzwochenende mit Kyriakos. „Wie schnell das geht, dass man tanzen kann!“ freut sich eine andere Teilnehmerin, die genau einen Tag Tanzerfahrung mit Kyriakos mitbrachte und ganz erleichtert war zu erleben, „dass erfahrene Tänzer uns Anfänger an die Hand nehmen“. Das Verbindende schreibt sie nicht allein dem Tanz zu; es sei Kyriakos, der „so herzlich und einfach eine Atmosphäre von Nähe und Fröhlichkeit“ schaffe, dass jede und jeder hier ganz bei sich sei, authentisch.

Verbunden in Freude am Tanz

Eine Woche lang an einem zauberhaften Tanzplatz am Meer tanzend, erlebe ich 28 Frauen und 9 Männer im 53. – 82. Lebensjahr ziemlich bald als homogene Gruppe. Auf der Rundreise in der zweiten Woche hat sich das längst bestätigt, auch im Gespräch mit Mitreisenden. Eine Teilnehmerin äußert sich nach unseren ersten Stationen begeistert über die lockere Stimmung im Bus: es werde so viel mehr gelacht als in anderen Reisegruppen, die Gruppe sei in kürzester Zeit zusammen gewachsen, Tanz verbinde nun mal. Was uns eint, ist die Begeisterung für Griechenland und die Freude am griechischen Tanz – die teilen wir, ob wir Gelegenheitstänzer sind oder seit Jahren schon Tänze weitergeben, ob wir Kyriakos, durch seine gut 50 jährige Tätigkeit als Lehrer für griechische Volkstänze verbunden sind oder durch die Teilnahme an seinen Trauertanz- Seminaren.

Einbindung ohne Unterschiede

„Wer Fehler macht, ist mir sympathisch“ sagt Kyriakos, bevor sich unter den „Neulingen“ die Sorge breitmachen kann, ob sie auch gut genug mithalten können. Es ist seine entschieden integrierende Haltung, die einfach jeden mitnimmt und einlädt in den Kreis. „Kyriakos macht aus jeder Konstellation eine Gruppe, er bindet alle ein, egal ob man nur halb mittanzt oder gut oder von der Straße dazukommt, jeder fühlt sich akzeptiert“, sagt eine Teilnehmerin zu mir ganz beseelt.

Verbindung jenseits von Sprache

Erste Station unserer Reise ist Korinós, 60 km südlich von Thessaloniki, direkt am Meer. Hier gestaltet Kyriakos die Tanzeinheiten gemeinsam mit Michail Kamanatzis und Ariadne Maronitou, professionelle Tanz-lehrer, die ganz in der Nähe zuhause sind. Fünf Stunden täglich bringen die Beiden uns Tänze ihrer Heimat nahe, über die Sprachbarriere hinweg, Michail mit seinen ersten Worten Deutsch und mit einem Maß an Herzlichkeit und Humor, das eine Art Seelenverwandtschaft zu Kyriakos vermuten lässt. Die Abendeinheiten bereichert Kyriakos mit Tänzen aus seinem Repertoire. Ariadne zeigt die anmutigen Bewegungen der Frauen im griechischen Tanz. Michail ermuntert die Männer, sich raumgreifend zu bewegen.

Verbindung der Generationen

An unserem letzten Abend am Meer tanzen wir zu Livemusik mit Ariadne, Michail und ihren Tanzfreunden. Die jungen Griechen zeigen sich in ihrer Kraft. „Das war zutiefst berührend für mich“, so Kyriakos mit bewegter Stimme. Als Gegenpol dazu dann die andere Qualität reifer männlicher Kraft und Tiefe, als spät am Abend Kyriakos und unser Reiseführer Giannis einen Zeybekikos auf den Tanzboden legen, der unvergesslich bleiben wird, „athanatos“ ruft Kyriakos seinem Freund am Ende zu: Unsterblicher!

Verbindung zu Land und Leuten

Tänze an ihren Entstehungsorten zu tanzen hat uns mit Land und Leuten verbunden, mit Nordgriechenland, seinen Kulturschätzen und Naturschönheiten, wie auch generell mit Griechenland und all seinen Bürden: mit dieser jahrhundertelangen Geschichte der Unterdrückung und Vertreibung, mit der anhaltenden Wirtschaftskrise und mit den akuten Sorgen und Nöten der Griechen, aber auch mit der Lebensfreude und der Leidenschaft, dem „pathos“, von dem Mythologie, Dichtung und Tanz geprägt sind. Kyriakos hat uns wohldosiert Kostproben davon gegeben.

Atemberaubende Anblicke bietet uns der Épirus, bergigste Region Griechenlands, wildromantisch, sattgrün mit seinem Reichtum an Wäl-dern und Gewässern. Ein geschundener Landstrich, immer wieder überzogen von Kriegen. Zuletzt wüteten dort nach dem 2. Weltkrieg die zwei griechischen Bürgerkriege. Der Épirus ist heute die ärmste Region des Landes - und dabei so reich an antiken, römischen, byzantinischen und mittelalterlichen Kulturschätzen.

Verbindung zurück bis in die Antike

Die Reise führt uns zurück bis in vorchristliche Zeiten. Wir besuchen Ausgrabungsstätten: Dion, Vergina und Dodona, eine der bedeutendsten und ältesten antiken Stätten Griechenlands, wo mit dem Zeusheiligtum das erste Orakel der Antike errichtet wurde. Im Amphitheater von Dodona tanzen wir spontan: „auf dem Boden einer Ausgrabungsstätte, die durch einen Erdhügel verschüttet war, unsichtbar für Jahrhunderte“ sagt eine Teilnehmerin danach ganz bewegt. „Da tanze ich nun und grabe mich selber aus, Schicht für Schicht“, fügt sie hinzu, und: „Ich denke gerade, Archäologen sind Psychotherapeuten der Erde“

Verbunden mit der Natur

Ein Höhepunkt der Reise ist der Ausflug zum Prespasee, vielumkämpftes Dreiländereck. Durch diesen See verlaufen die Landesgrenzen des heutigen Griechenland zu Albanien und dem Land, das korrekt als ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien (Former Yugoslav Republic of Macedonia (F.Y.R.O.M.) zu bezeichnen ist. Der Streit um den Namen Mazedonien ist bis heute nicht beigelegt. Die Natur in ihrer unendlichen Weite lässt nichts von all dem ahnen.

Verbunden mit Trauer und Freude

Friedvoll liegt der kleine Prespasee vor uns. Über eine durch hochgewachsenes Schilf zunächst verborgene Fußgängerbrücke erreichen wir die Insel Agios Achillios und die Ruine der gleichnamigen Basilika.

Verbunden mit dem Himmel über uns

Majestätisch breitet sich der Große Prespasee vor uns aus wie ein Binnenmeer. In kleinen Gruppen fahren wir über den See, zur Linken die Brutstätten unzähliger Pelikane. Direkt unterhalb der Einsiedel-Kapelle Panagia Eleousa legen wir an und steigen viele Stufen hinauf zur Kapelle. Ein entrückter Ort.

Die Rückfahrt wieder in kleinen Motorbooten auf dem großen See. Pelikane fliegen über uns hinweg. Der Himmel spannt sich über uns in diesem griechischen Licht.

„Mein Gott, wie viel Blau verschwendest du, damit wir dich nicht sehen“ schrieb Literatur-Nobelpreisträger Odysseas Elytis in seinem Langgedicht „To axion esti“ (Lobgepriesen sei), gern zitiert von Kyriakos.

Verbunden mit allen Sinnen

Unvergesslich die Eindrücke, Einblicke und Einsichten, die wir auf dieser Reise gewinnen konnten. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, all das erlebt zu haben im „Land des Lichts“, achtsam geführt in einer Weise, die alle Sinne anspricht. Was ich von dieser Reise mitgebracht habe nach Hause, ist der Wunsch, diese Eindrücke im Herzen zu bewahren und eng verbunden mit den traditionellen Tänzen Nordgriechenlands weiterzugeben.

Barbara Schulte-Büttner, Spielraum für Bewegung und Tanzdialog www.spielraum-tanzdialog.de

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel ist erstmals erschienen in der Fachzeitschrift für meditativen Tanz 'Neue Kreise ziehen' Ausgabe 3-2017